Furor Scribendi

1888-94 Die rund sechs Jahre von der Rückkehr nach Japan bis zum Einsatz im Japanisch-Chinesischen Krieg sind von fieberhafter Aktivität als Mediziner und Literat geprägt. Hauptberuflich wirkt Mori als Dozent an der Medizinischen Hochschule des Heeres, deren Leitung er schließlich übernimmt. Die in Europa erworbenen Perspektiven befähigen ihn, an gesellschaftlichen Debatten teilzunehmen, die zentrale Aspekte des japanischen Übergangs in die Moderne reflektieren. Kämpferisch setzt er sich dafür ein, sowohl modernes als auch historisch überliefertes Wissen kritisch zu prüfen und eine global orientierte Atmosphäre der Wissenschaftlichkeit zu begründen. Dabei schreckt er auch nicht vor Konflikten mit seinen Vorgesetzten und mit dem medizinischen Establishment zurück. Als Literat legt er unter dem Schriftstellernamen Ōgai bahnbrechende Leistungen vor. Die von der Europaerfahrung inpirierten Erzählungen der ‘deutschen Trilogie’ – darunter das in Berlin spielende “Ballettmädchen” (Maihime) – festigen seinen Ruhm als Mitbegründer der modernen japanischen Literatur. Nicht weniger einflussreich sind die Übersetzungen zahlreicher Meisterwerke europäischer Literatur über das Deutsche, für die er verantwortlich zeichnet. Die “Reusenhefte” (Shigarami zōshi), welche er über lange Jahre herausgibt, gelten als erste literaturkritische Zeitschrift Japans.

Erinnerungen und Gedanken

“[Nach meiner Rückkehr] arbeitete ich für eine Weile im Labor der Militärmedizinischen Lehranstalt und forschte vor allem zu Nahrungsmitteln. Doch aufgrund des Systems, das wir in Armeekreisen als Förderband (tokoroten) bezeichnen, wodurch die angehenden Wissenschaftler stets von unten nach oben drängen, wurde ich, bevor ich mich versah, vor die Tür des Labors gesetzt und zum Leitenden Militärarzt einer [Heeresabteilung] ernannt. Darauf wies ich die Mannschaften an und stellte statistisches Material zusammen, doch was meine Studien betraf, kam ich zu wenig mehr, als die neu ankommenden Zeitschriften aus dem Westen zu lesen.”

Ōgai - Ein Vortrag über Hygiene / Eisei dan (1903). Übers. H. Salomon

“Mir begegneten die Menschen der Heimat mit Enttäuschung. Das war ihnen auch nicht vorzuwerfen, denn einen solchen Europaheimkehrer wie mich hatte es bis dahin nicht gegeben. Bisher war es so gewesen, daß die aus dem Westen Heimkehrenden mit vor Erwartung strahlendem Gesicht aus ihrem Koffer Geräte hervorholten und irgendeine neuartige Taschenspielerei vorführten. Ich tat genau das Gegenteil.”

Ōgai - Illusionen / Mōzō (1911). Übers. W. Schamoni

“Als leidenschaftlicher Leser erfreute ich mich daran, Gefährten zu haben, die ebenfalls Bücher liebten und mit ihnen über sie sprechen zu können. Der Chefredakteur der [Zeitung] Kokumin no tomo, mein Freund Tokutomi Iichirō [Sohō], kam dann [1889] auf die Idee, meine Ausführungen der Öffentlichkeit vorzustellen […]. Darauf bestürmten mich alle Zeitungen und Zeitschriften Tokyos, für sie zu schreiben.”

Ōgai - Wer ist Ōgai Gyoshi? / Ōgai Gyoshi to wa tare zo? (1900). Übers. H. Salomon

“Nun bin ich ausgesprochen redselig und auch im privaten Kreis [kaum zu stoppen], wenn nur jemand zuhört. Seinerzeit hielt ich mich denn auch in der Öffentlichkeit nicht zurück. Anfangs stand ich bei der Presse hoch im Kurs, doch mit der Zeit missfielen ihnen meine wortreichen Prahlereien und sie wiesen meinen Redeschwall zurück.”

Ōgai - Wer ist Ōgai Gyoshi? / Ōgai Gyoshi to wa tare zo? (1900). Übers. H. Salomon

“Ōgai Gyoshi erklärte allen Seiten den Krieg. Doch in der Regel reichte bereits ein leichter Hieb aus, um jeden seiner Feinde in Stücke zu schlagen. Auf allen Gebieten der Malerei und des Theaters war er bestens bewandert, und seine Debatten erstreckten sich bis zum Feld der Skulptur und der Rezitation [chinesischer Gedichte]. Wenn man seine [Beiträge] heute erneut liest, wird deutlich, dass sie nicht wirklich erstaunlich waren, doch in jenen Tagen des wenig fortgeschrittenen Denkens und der Publizistik in den Kinderschuhen wirkte er wie ein knurrender Wolf in einer Schafherde. Deshalb blickten alle angehenden Literaten ehrfürchtig zu seiner Zeitschrift Shigarami zōshi (Reusenhefte) auf.”

Tayama Katai - Dreißig Jahre in Tokyo / Tōkyō no sanjū nen (1917)

Biographische Ereignisse

1888

  • Juli: Mit seinem Vorgesetzten Ishiguro Tadanori reist Mori aus Berlin ab (5.7.) und kehrt über London, Paris und Marseille nach Japan zurück.
  • September: Ankunft in Yokohama und Weiterfahrt nach Tokyo. Er wird an der 1886 gegründeten Militärmedizinischen Lehranstalt des Heeres (Rikugun Gun’i Gakusha) als Dozent bestellt. (8.9.)
  • Die Berlinerin Elise Weigert folgt wenige Tage später nach Tokyo. Der künftige Schwager Koganei Yoshikiyo überzeugt sie, nach Europa zurückzukehren.
  • November: Mori wird zudem der Hochschule des Heeres (Rikugun Daigakkō) in Tokyo als Dozent zugeteilt.
  • Er stellt seine Gedanken zur wissenschaftlichen Bewertung der Vorzüge japanischer Kost in der Privaten Vereinigung für Hygiene Großjapans (Dai Nippon Shiritsu Eisei Kai) vor.
  • Verlobung mit Akamatsu Toshiko (1871–1900), der Tochter des Vizeadmirals Akamatsu Noriyoshi. Die Beziehung hat Moris Onkel Nishi Amane vermittelt, der mit dem Vater der Braut in den 1860er Jahren in Leiden studiert hat.
  • Dezember: Aufnahme in die Japanische Rotkreuz-Gesellschaft (Nihon Sekijūji Sha) als außerordentliches Mitglied.
  • Bestellung als Sekretär der Hygiene-Konferenz des Heeres (Rikugun Eisei Kaigi).

1889

11. Februar 1889: Am Jahrestag der mythischen Reichsgründung wird die Verfassung des Kaiserreichs Großjapan verkündet. [Lorenz v. Stein: “Die neue japanische Verfassung”, Allgemeine Zeitung]
16. Mai 1889: Das Museum in Ueno, das seit 1886 dem Kaiserlichen Hofministerium unter­steht, erhält die Bezeichnung “Kaiserliches Museum” (Teikoku Hakubutsukan). Außenstellen sollen in Nara und Kyoto eingerichtet werden. 
16. Juni 1889: Der Maler im westlichen Stil Asai Chū (1856–1907) und Gleichgesinnte gründen die “Kunstvereinigung Meiji” (Meiji Bijutsukai), die als erster Zusammenschluss europäisch orientierter Künstler in Japan gilt.
21. November 1889: Das Kabuki-Theater (Kabuki Za) wird im Stadtteil Ginza eröffnet. Der Bau verbindet eine westliche Fassade und japanisches Interieur.
  • Januar: In seinem ersten literaturkritischen Text “Über den Roman” (Shōsetsu ron) spricht Mori sich gegen den Naturalismus aus (Yomiuri-Zeitung).
  • Die Tageszeitung Yomiuri veröffentlicht auch die Übersetzung von Calderóns Drama “Der Richter von Zalamea” (Shirabe wa takashi gitarura no hitofushi, bis Februar 1889).
  • Mori wird mit der Schriftleitung der “Neuen Medizinischen Zeitschrift aus Tokyo” (Tōkyō iji shinshi) betraut, welche als bedeutendste Fachzeitschrift des Landes gilt. Auch seine Beiträge erscheinen regelmäßig in dieser Zeitschrift.
  • März: Die Ehe mit Akamatsu Toshiko wird geschlossen.
  • Die erste Ausgabe von Moris “Neuer Zeitschrift für Hygiene” (Eisei shinshi) erscheint.
  • April: Sein “Lehrbuch der Heereshygiene” (Rikugun eisei kyōtei) wird im Druck der Militärmedizinischen Schule des Heeres veröffentlicht.
  • Sommer: Umzug in den Stadtbezirk Shitaya. In dem Haus, das in der Nähe der 1876 eröffneten, ersten öffentlichen Parkanlage in Ueno liegt, entstehen die ersten literarischen Werke (heute Teil des Hotels Suigetsu).
  • Juli: Mitarbeit in der Kommission zur Untersuchung der Soldatenkost (Heishoku Shiken I’inkai).
  • Mori beginnt, an der Anfang des Jahres eröffneten Kunstschule zu Tokyo (Tōkyō Bijutsu Gakkō) Anatomie für Künstler zu unterrichten. Die Lehrtätigkeit geht auf die Einladung eines der Gründungsdirektoren, Okakura Tenshin (1862–1913), zurück und wird bis zum Ausbruch des Krieges gegen China 1894 fortgesetzt.
  • Die Gesellschaft der Neuen Stimmen (Shinsei Sha, S.S.S.) bildet sich um Mori. Zu der Gruppe zählen der Literat Ochiai Naobumi (1861–1903), aber auch Moris Geschwister Kimiko und Tokujirō.
  • August: Die Gesellschaft der Neuen Stimmen gibt die Gedichtsammlung Omokage (“Visionen”) als Sonderausgabe der Zeitschrift Kokumin no tomo (“Freund des Volkes”) heraus. Die Übersetzungen vornehmlich deutschsprachiger Lyrik – darunter Goethes Lied der Mignon – sollen Eindrücke des fernen Europa aufscheinen lassen.
  • Aufnahme in die Vereinigung für aufführende Künste Japans (Nihon Engei Kyōkai), durch die Vertreter von Politik und Kultur Reformen des Theaters fördern wollen.
  • Oktober: Der Ausschuss für die städtebauliche Reform Tokyos (Tōkyō Shiku Kaisei I’inkai) beauftragt Mori, künftige Bauvorschriften unter dem Gesichtspunkt der öffentlichen Gesundheitsvorsorge zu untersuchen.
  • Nach dem Erfolg ihrer Gedichtsammlung begründet die Gesellschaft der Neuen Stimmen die literarische Zeitschrift Shigarami zōshi (“Reusenhefte”), die Mori und sein Bruder Tokujirō herausgeben. Die erfolgreiche Zeitschrift erscheint bis 1894 und erfüllt eine wichtige Rolle für die Begründung der japanischen Literaturkritik. In Shigarami zōshi veröffentlicht Mori u.a. seine Übersetzung von Lessings Emilia Galotti (bis Juni 1892).
  • Dezember: “Medizinische Nachrichten” (Iji shinron), die zweite Fachzeitschrift unter Moris Herausgeberschaft, erscheint erstmals.

1890

1. Juli 1890: Auf der Basis der Verfassung finden die Wahlen zum ersten Parlament statt, das im November zusammentritt.
30. Oktober 1890: Das Kaiserliche Erziehungsedikt wird von Meiji-Tennō erlassen, um die moralische Bildung nach konfuzianischem Vorbild in japanischen Schulen zu begründen.
4. Dezember 1890: Im Berliner Labor Robert Kochs gelingt es Emil Behring und Kitasato Shibasaburō, die Serumtheraphie gegen die Diphterie zu entwickeln.
  • Januar: Mit der Erscheinung der Erzählung Maihime (“Die Tänzerin”) in der Zeitschrift Kokumin no tomo (“Freund des Volkes”) gibt Mori sein literarisches Debut. Das Werk ist von den Erfahrungen des Deutschlandaufenthalts inspiriert und handelt von der tragischen Liebesgeschichte eines japanischen Studenten und einer Berliner Balletteuse. [→ Übersetzungen]
  • April: Da Mori sich mit dem medizinischen Establishment überworfen hat, nimmt er nicht an der ersten Tagung der Japanischen Fachgesellschaft für Medizin (Nihon I Gakkai) teil.
  • Juli: Gründung der Öffentlichen Medizinischen Gesellschaft Japans (Nihon Kōshū Iji Kai).
  • August: Die Erzählung “Wellenschaum” (Utakata no ki) erscheint in seiner Zeitschrift Shigarami zōshi. Sie verwebt Eindrücke vom Leben japanischer Künstler in der Münchner Bohème mit dem tragischen Tod Ludwig II. [→ Übersetzungen]
  • September: Geburt des Sohnes Otto (Oto)
  • Mori legt die beiden medizinischen Fachzeitzeitschriften, die er herausgibt, zur “Zeitschrift für Hygiene und Therapie” (Eisei ryōbyō shi) zusammen.
  • Die Ehe mit Akamatsu Toshiko wird geschieden.
  • Oktober: Umzug in den Stadtteil Sendagi. Das neue Heim tauft Mori Bergklause zu Sendagi (Sendagi Sanbō), eine Name der ihm verschiedentlich auch als Pseudonym dient.

1891

1. Oktober 1891: Tsubouchi Shōyō gibt erstmals die Zeitschrift “Literatur aus Waseda” (Wase­da bungaku) heraus.
  • Januar: Die dritte Erzählung der ‘deutschen Trilogie’ erscheint. Fumizukai (“Der Bote”) verarbeitet Erfahrungen, die Mori während der Dresdner Zeit gesammelt hat. [→ Übersetzungen]
  • August: Promotion zum Doktor der Medizin durch die Kaiserliche Universität Tokyo. Zu diesem Zeitpunkt gibt es lediglich 30 promovierte Mediziner in Japan.
  • September: Die Debatte mit dem Literaturkritiker und Shakespeare-Übersetzer Tsubouchi Shōyō über die Bedeutung von Idealismus und Realismus im künstlerischen Schaffensprozess beginnt (botsu risō ronsō, bis Juni 1892).

1892

März 1892: Der Shintō-kritische Essay des Historikers Kume Kunitake erfährt allgemeine Kritik. Er muss seine Professur an der Kaiserlichen Universität Tokyo aufgeben.
30. November 1892: Die Private Hygiene-Vereinigung Großjapans (Dai Nippon Shiritsu Eisei Kai) gründet das Forschungsinstitut für Infektionskrankheiten unter der Leitung von Kitasato Shibasaburō.
  • Januar: Umzug innerhalb des Stadtteils Sendagi. Großmutter und Eltern wohnen nun ebenfalls auf dem Anwesen. Vom zweiten Stockwerk des umgebauten Gebäudes im Bezirk Hongō (heute Bunkyō) ist die Meersbucht von Tokyo zu sehen. Im Haus Meerblick (Kanchō Rō) wohnt Mori – mit Unterbrechungen – bis zum Jahr 1922.
  • Juli: Veröffentlichung der Anthologie seiner literarischen Werke bzw. Übersetzungen Minawa shū (“Sammlung von Wassertropfen”) im Verlag Shunyō Dō.
  • September: Mori beginnt an der privaten Keiō-Hochschule (Keiō Gijuku), die von Fukuzawa Yukichi – dem Mitbegründer der japanischen Aufklärungsbewegung – geleitet wird, Ästhetik (shinbigaku) zu unterrichten. (bis 1894)
  • November: Der erste Teil der Übersetzung von Hans Christian Andersens Improvisatoren wird unter dem Titel Sokkyō shijin veröffentlicht. Mori wird bis Januar 1901 an dem Text arbeiten, der fortlaufend in den Zeitschriften Shigarami zōshi bzw. Mezamashi gusa erscheint.

1893

1. Januar 1893: Die erste Ausgabe der Zeitschrift “Welt der Literatur” (Bungaku sekai) er­scheint. Sie fördert die romantische Strömung in der japanischen Literatur.
11. Juni 1893: Der deutsch-russische Philosoph und Musiker Raphael von Koeber (1848–1923) kommt nach Japan, um an der Philosophischen Fakultät der Kaiserlichen Universität Tokyo zu unterrichten (bis 1914).
  • Juli: Mori wird zum amtierenden Leiter der Medizinischen Hochschule des Heeres (Rikugun Gun’i Gakkō) bestellt.
  • November: Er wird zum Militärarzt erster Klasse und Leiter der Medizinischen Hochschule befördert.
  • Dezember: Bestellung zum Mitglied des Zentralen Hygiene-Verbands (Chūō Eisei Kai)

1894

1. August 1894: Die japanische Regierung erklärt dem China der Ch’ing-Dynastie den Krieg.
  • Mai: Mori wird beratender Arzt der Rentenstelle des Kabinetts.
  • Oktober: Seine Einheit wird auf die Halbinsel Liaodong versetzt.

Quellen

  • Bowring, Richard John: Mori Ōgai and the Modernization of Japanese Culture, Cambridge et al.: Cambridge University Press 1979.
  • Kobori Kei’ichirō: Mori Ōgai: Nihon wa mada fushinchū da (Mori Ōgai: Japan ist noch im Umbau), Minerva Shobō 2013.
  • “Nenpu” (Chronik), Ōgai zenshū, vol. 38, Iwanami Shoten 1975: 545–58.
  • Rimer, J. Thomas: Mori Ōgai, Boston: Twayne Publishers 1975.
  • Schamoni, Wolfgang: Mori Ōgai: Vom Münchener Medizinstudenten zum klassischen Autor der modernen japanischen Literatur, München: Bayerische Staatsbibliothek 1987.
  • Stein, Lorenz v.: “Die neue japanische Verfassung”, Allgemeine Zeitung 125, 6. Mai 1889: 1. [digiPress - Bayerische Staatsbibliothek]
  • Yamasaki Kuninori: Hyōden Mori Ōgai (Mori Ōgai. Eine kritische Biographie), Taishūkan Shoten 2007.
Zitierhinweis – Harald Salomon: “Mori Rintarō, alias Ōgai (1862–1922). Furor scribendi”, Digitales Ogai Portal, hg. v. Harald Salomon. Mori-Ōgai-Gedenkstätte der Humboldt-Universität zu Berlin. 15. Dezember 2020. URL: https://www.ogai.hu-berlin.de/biographie-furor.html