Aufenthalt in Deutschland

1884–88 Im Auftrag des Heeresministeriums reist Mori nach Deutschland, um Studien der Hygiene und des militärischen Sanitätswesens zu betreiben. Bei Franz Hofmann, Max von Pettenkofer, Robert Koch und anderen Koryphäen der Zeit taucht er aktiv in die Welt der medizinischen Forschung ein; erste Veröffentlichungen erscheinen in einschlägigen Periodika, darunter Archiv für Hygiene und Zeitschrift für Hygiene.  Der insgesamt vierjährige Aufenthalt in Deutschland prägt den wissenschaftlich orientierten Mediziner, der großes Vertrauen in die Kochsche Bakteriologie setzt. Von der anregenden Atmosphäre des intellektuellen Lebens in Leipzig, Dresden, München und Berlin begünstigt, entfaltet sich gleichzeitig sein starkes Interesse an Europas Literatur, Philosophie, Theater und Malerei. Wie nicht zuletzt die Debatte mit dem Geologen Naumann zeigt, führt die Europaerfahrung auch zu der Forderung, Japans überkommenen Lebensstil nicht übereilt aufzugeben, sondern selbstbewusst aus der Sicht einer ‘globalen Wissenschaft’ zu prüfen.

Erinnerungen und Gedanken

“Mit der vagen Erwartung von Erfolg und Ruhm und einer an Fesseln gewöhnten Lernfähigkeit stand ich plötzlich in der Mitte dieser neuen Metropole Europas. Welcher Glanz traf meine Augen, welche Farbenpracht verwirrte mein Herz! [...] in einer Lücke zwischen den wolkenhohen Palästen ein Springbrunnen, der seine Fontäne gegen den blauem Himmel steigen und wie einen Gewitterregen herabfallen läßt; und in der Ferne, jenseits des Brandenburger Tores schwebt aus den dichten Laubbäumen das Standbild der Göttin auf der Siegessäule gen Himmel. All dies lag einem direkt vor Augen, so daß, wer zum ersten Mal hierher kam, gar nicht alles aufzunehmen vermochte.”

Ōgai - Die Tänzerin / Maihime (1890). Übers. W. Schamoni

“[...] all die Jahre hatte ich als ein bloß passiver, mechanischer Mensch gearbeitet, ohne es selbst zu merken.  Jetzt war ich fünfundzwanzig und spürte, vielleicht weil ich längere Zeit der freien Atmosphäre der Universität ausgesetzt gewesen war, in mir eine unbestimmte Unruhe. Das tief in mein Inneres versunkene Ich trat langsam an die Oberfläche und schien mit jenem falschen Ich, welches ich bis gestern gewesen war, den Kampf aufzunehmen.”

Ōgai - Die Tänzerin / Maihime (1890). Übers. W. Schamoni

“Inzwischen füllen nun schon über 170 europäische Bücher mein Regal. Wenn ich zuweilen ein Buch zur Hand nehme und darin lese, ergreift mich ein unbeschreib- liches Glücksgefühl. Die ernsten und feierlichen Dramen der großen Griechen Sophokles, Euripides und Aeskylos sind mein. [...] Dantes tiefsinnige ‘Göttliche Komödie (Comedia)’ hat mich ganz und gar in Entzücken versetzt. Großartig und erhaben dünken mich Goethes ‘Sämtliche Werke’.”

Ōgai - Deutschlandtagebuch / Doitsu nikki, 13. August 1885. Übers. H. Schöche

“[...] wir besuchten das Museum für Skulpturen und die Gemäldegalerie mit ihren weltberühmten Gemälden. Besonders von der ‘Sixtinischen Madonna’ von Raffaelo hatte ich schon seit langem geträumt. Doch jetzt war ich nun wirklich selbst da, und ein Traum ging für mich in Erfüllung.”

Ōgai - Deutschlandtagebuch / Doitsu nikki, 13. Mai 1885. Übers. H. Schöche

“Am Abend war ich mit Inoue in Auerbachs Keller. Wir sprachen darüber, wie man Goethes Faust in chinesische Verse übersetzen könnte. Schließlich schlug Sonken mir vor, es doch einmal zu versuchen. Aus Spaß willigte ich ein.”

Ōgai - Deutschlandtagebuch / Doitsu nikki, 27. Dezember 1885. Übers. H. Schöche

“Das Zimmer ist sehr hübsch eingerichtet. Auf dem Balkon steht eine große Metallschale mit Blumen. Über den Balkon windet sich Efeu. Ein Bücherregal ist mein Privatbesitz. Ich habe es gekauft, weil es so billig war. Die neu erworbenen Bücher habe ich hineingestellt. Manchmal nehme ich mir eins heraus, dessen Inhalt mir besonders gut gefällt, und lese darin. So vertreibe ich mir die Langeweile.”

Ōgai - Deutschlandtagebuch / Doitsu nikki, 1. April 1888. Übers. H. Schöche

Biographische Ereignisse

1884

  • Juni: Das Heeresministerium stellt Mori zum Studium in Deutschland ab, wo er seine Kenntnisse der Hygiene und des Heeressanitätswesens erweitern soll. Von seinen amtlichen Pflichten wird er befreit.
  • August: Er verlässt Tokyo (23.) und schifft sich am folgenden Tag in Yokohama auf einem französischen Dampfer ein, um nach Europa zu reisen. Die Schiffsreise führt über Hongkong, Saigon, Singapur, Colombo, Aden und Suez nach Marseille, wo er etwa sechs Wochen später eintrifft.
  • Oktober: Mori reist mit der Bahn über Paris nach Berlin, wo er am 11. Oktober ankommt. Das “Deutschlandtagebuch” (Doitsu nikki), das er bis Mitte Mai 1888 führt, setzt ein. [→ Übersetzungen]
  • In Berlin sucht Mori Heeresminister Ōyama Iwao (1842–1916) und den japanischen Gesandten Aoki Shūzō (1844–1914) auf. Der Gesandte rät ihm, auch die europäische Mentalität zu studieren.
  • Generalarzt Hashimoto Tsunatsune, der den japanischen Heeresminister auf seiner Deutschlandreise begleitet, unterrichtet Mori, dass er zuerst bei Franz Hofmann in Leipzig, anschließend bei Max von Pettenkofer in München und zuletzt bei Robert Koch in Berlin studieren werde.
  • Mori begibt sich nach Leipzig, um bei Franz Adolf Hofmann (1843–1920) Hygiene zu studieren. Hofmann ist ein Schüler Max von Pettenkofers und Direktor des Hygienischen Instituts an der Universität Leipzig. Im Wintersemester hält er u.a. die Vorlesung “Die Ernährung des Menschen, sowie Nahrungsmittel und ihre Verfälschungen”. [Historische Vorlesungsverzeichnisse, Universität Leipzig]
  • Dezember: Zusammentreffen mit Erwin Baelz, der seit Moris Studienzeit in Tokyo Medizin lehrt, und Botho Scheube (Habilschrift zur Beriberi-Krankheit).

1885

September 1885: Tsubo’uchi Shōyō veröffentlicht den ersten Teil der Schrift “Das Wesen des Romans” (Shōsetsu shinzui), die sich für eine gesellschaftliche Aufwertung literarischer Fiktion ausspricht.
  • Januar: Moris Teilübersetzung (in chinesische Verse) des Märchens “Die Karawane” von Wilhelm Hauff erscheint in der “Zeitschrift für Wissenschaft und Literatur des Ostens” (Tōyō gakugei zasshi).
  • Die erste intensive Lektüre des Faust setzt ein.
  • Februar: Mori plant Veröffentlichungen über die Ernährung im japanischen Heer und über japanische Wohnhäuser.
  • April: Er beginnt mit der Lektüre von Deutscher Novellenschatz – die 24 von Paul Heyse (1830–1914) und Hermann Kurz herausgegebenen Bände (München: R. Oldenbourg 1871) umfassen 86 Novellen, die der junge Mediziner in den folgenden vier Monaten liest. Er protokolliert seinen Fortschritt, wobei er wahrscheinlich erstmals das Pseudonym Ōgai einsetzt. Später wird er einige der Erzählungen übersetzen. Seine “Deutschen Novellen”, die in den Jahren 1890–91 entstehen, folgen Heyses Theorie.
  • Ende des Monats lernt Mori Wilhelm August Roth (1833–92) kennen, der als Generalstabsarzt im Sächsischen Armeecorps und Honorarprofessor für Hygiene am Dresdner Polytechnikum tätig ist. Roth zählt zu den führenden Militärmedizinern im deutschsprachigen Raum.
  • Mai: Auf Einladung Roths reist Mori nach Dresden, um an einem Sanitätsmanöver teilzunehmen. Der Bericht an seinen Vorgesetzten, Ishiguro Tadanori, wird später veröffentlicht (Dezember 1888).
  • In der Gemäldegalerie sieht er erstmals Raffaels Sixtinische Madonna.
  • Juni: Nach Leipzig zurückgekehrt belegt er einen Kurs über Methoden der Kultivierung von Bakterien.
  • August: Mori zieht innerhalb Leipzigs in ein neues Pensionszimmer und stellt fest, dass seine Sammlung europäischer Bücher inzwischen über 170 Bände beträgt. Darunter finden sich die Werke von Sophokles, Dante und Goethe.
  • Für seine medizinischen Studien erwirbt er ein Mikroskop.
  • Mit Genehmigung des japanischen Gesandten nimmt Mori am Herbstmanöver des 12. Armeecorps teil (27. August bis 12. September).
  • Er besucht die 13. Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins.
  • Oktober: Der Philosoph Inoue Tetsujirō (1856–1944) übersiedelt von Heidelberg nach Leipzig. Er arbeitet an einem Manuskript zur Philosophie des Ostens.
  • Mori sendet eine Zusammenfassung seiner Studie über die Ernährung im japanischen Heer an seinen Vorgesetzten Ishiguro Tadanori in Tokyo. [“Japanische Soldatenkost vom Voit’schen Standpunkte”, 1886]
  • Umzug nach Dresden zur Teilnahme am Winterkurs für Militärärzte. Dort pflegt er freundschaftlichen Umgang mit Roth.
  • November: Anläßlich der Versammlung der Dresdener Sanitätsoffiziers-Gesellschaft hält Mori einen Vortrag über das japanische Sanitätscorps. Roth zeichnet die Ausführungen auf und veröffentlicht sie im Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte auf dem Gebiete des Militär-Sanitätswesens. [“Die Organisation des japanischen Sanitätscorps”]
  • Dezember: Gespräch mit Inoue Tetsujirō in Auerbachs Keller zu Leipzig. Es entsteht die Idee, Goethes Faust in chinesische Verse zu übersetzen. (siehe 1913)

1886

März 1886: Mit der “Verordnung über die Kaiserliche Universität” (Teikoku daigaku rei) wird die Universität Tokyo umbenannt. Die Kaiserliche Universität Tokyo soll – staatlichen Erfor­der­nissen entsprechend – Wissenschaft und Technik lehren bzw. deren Grundlagen erforschen. 
Juni 1886: Japan tritt der 1864 formulierten Genfer Konvention zur “Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen” bei.
  • Januar: Mori nimmt am Neujahrsempfang des Sächsischen Königshofs teil.
  • Ende des Monats hält er auf Einladung des Vereins für Erdkunde einen Vortrag über japanische Wohnhäuser. Es handelt sich womöglich um einen der ersten öffentlichen Vorträge, den ein Japaner im deutschsprachigen Raum in deutscher Sprache hält. (29. Januar)
  • Februar: Im Dresdner Hoftheater besucht Mori eine Aufführung des Faust.
  • März: Jahresfeier des Vereins für Erdkunde in Dresden. Den Festvortrag hält der Geologe Edmund Naumann (1854–1927), der von 1875 bis 1880 in Japan gelehrt hat. Seine Wahrnehmung der japanischen Bemühungen um “Fortschritt” erbittern Mori. Die “Naumann-Debatte” setzt ein.
  • Umzug nach München (8. März), wo Mori am Hygiene-Institut bei Max von Pettenkofer (1818–1901) studieren soll. Der Hygieniker gilt als erster Lehrstuhlinhaber im deutschsprachigen Raum. Er bekleidet auch das Amt des Rektors der Ludwig-Maximilians-Universität München.
  • Pettenkofer macht Mori mit dem Physiologen Carl von Voit (1831–1908) bekannt, der als Begründer der modernen Ernährungslehre gilt.
  • Bekanntschaft mit dem Künstler Harada Naojirō (1863–99), der bei dem Historienmaler Gabriel von Max (1840–1905) studiert. Bis zum frühen Tod Haradas bleiben die beiden freundschaftlich verbunden.
  • Juni: Die Nachricht vom Tod des kürzlich entmündigten, bayerischen Königs Ludwig II und seines Leibarztes im Würmsee (Starnberger See) wird bekannt. Ende des Monats unternehmen Mori und japanische Bekannte einen Ausflug zu dem See, um ihre Trauer zu bekunden.
  • September: Während eines erneuten Aufenthalts am Würmsee arbeitet er an einer Abhandlung über japanische Wohnhäuser und entwirft eine Replik auf den Vortrag Naumanns.
  • November: Ende des Monats berichtet Karl Bernhard Lehmann (1858–1940) über Moris Experimente zur diuretischen Wirkung des Bieres vor der Münchener Gesellschaft für Morphologie und Physiologie.
  • Dezember: Mit der Unterstützung Pettenkofers reicht Mori seine Replik auf den Vortrag Naumanns (vgl. März) bzw. den inzwischen erschienenen Artikel beim Herausgeber der Allgemeinen Zeitung ein. Der Beitrag “Die Wahrheit über Nipon” erscheint am 29. Dezember. [Bayerische Staatsbibliothek]

1887

Februar 1887: Der Publizist Tokutomi Sohō (1863–1957) gründet den Verlag Minyū Sha (“Gesellschaft der Freunde des Volkes”) und gibt erstmals die politisch-kulturelle Monatsschrift Kokumin no tomo (“Freund des Volkes”, bis 1898) heraus. In der einflussreichen Zeitschrift werden künftig auch Werke Moris erscheinen.
Juli 1887: Futabatei Shimei (1864–1909) veröffentlicht den ersten Teil von Ukigumo (“Trei­bende Wolken”). Das unvollendet bleibende Werk gilt als der erste moderne Roman in der Geschichte der japanischen Literatur.
Oktober 1887: Auf Anregung Reichskanzler Bismarcks wird an der Berliner Friedrich-Wil­helms-Universität das Seminar für Orientalische Sprachen gegründet. Hier wird das Japanische von muttersprachlichen und deutschen Lektoren gemeinsam unterrichtet. Als erster japanischer Lektor nimmt Inoue Tetsujirō seine Tätigkeit auf. [“Eröffnungsfeier des Seminars für orien­ta­lische Sprachen”, Norddeutsche allgemeine Zeitung]
  • Januar: In der Allgemeinen Zeitung erscheint ein umfangreicher Artikel Edmund Naumanns, der auf die Kritik an seinen Ausführungen zu Japan eingeht. Mori arbeitet an einer Erwiderung, die Anfang Februar als “Noch einmal die Wahrheit über Japan” erscheint. [Bayerische Staatsbibliothek]
  • April: Mori verabschiedet sich von Pettenkofer und bittet ihn, die Ergebnisse seiner Experimente über die diuretische Wirkung des Bieres und die Giftigkeit der Kornrade zu veranlassen.
  • Er begibt sich nach Berlin, wo er am Hygiene-Institut der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität bei Robert Koch bakteriologischen Studien nachgehen möchte.
  • Anmietung eines Zimmers in der Pension Stern in der Marienstraße 32 im Berliner Studentenviertel. Sie wird von einer Wittwe und ihrer Nichte geführt. (Das Gebäude ist erhalten. Im ersten Obergeschoss befindet sich seit 1984 die Mori-Ōgai-Gedenkstätte der Humboldt-Universität zu Berlin).
  • Bekanntschaft mit Generalmajor Nogi Maresuke (1849–1912), der sich seit Januar 1887 in Berlin befindet, um Studien der Heeresstrategie zu betreiben (bis Juni 1888). Der freundschaftliche Umgang mit Nogi, der im Russisch-Japanischen Krieg die Belagerung Port Arthurs leiten wird, hält bis zu dessen Freitod im Jahr 1912 an.
  • Der einstige Kommilitone Kitasato Shibasaburō (1853–1931) macht Mori mit Robert Koch bekannt. Ein Lehrvertrag wird abgeschlossen. Der etwa zehn Jahre ältere Kitasato ist nach dem Studium der Medizin in das Büro für Hygiene des Innenministeriums (Naimushō Eisei Kyoku) eingetreten. Vom Ministerium gefördert, ist er seit Anfang 1886 in Kochs Labor tätig.
  • Mai: Der einführende Monatskursus am Hygienischen Institut beginnt. Nach dem Abschluss nimmt Mori seine Arbeit im Labor auf und erhält das Forschungsthema “Pathogene Bakterien im Kanalwasser”.
  • Der junge Mediziner besucht erstmals den Yamato-Club. Hier treffen sich einmal pro Monat in Deutschland lebende Japaner.
  • Der Artikel “Die Wahrheit über Japan” (siehe Dezember 1886) wird in der Tokyoter Tageszeitung Nichinichi shinbun in einer Übersetzung seines ehemaligen Kommilitonen Koike Masanao veröffentlicht.
  • Juni: Mitte des Monats bezieht Mori in der Nähe des Hygienischen Instituts (Klosterstraße) ein modernes, ruhiges Zimmer.
  • Juli: Moris Vorgesetzter Generalarzt Ishiguro Tadanori kommt nach Berlin. Als stellvertretender Kommandeur des Militärmedizinischen Hauptquartiers des Heeres (Rikugun Gun’i Honbu) und als stellvertretender Leiter des Büros für Hygiene im Innenministerium (Naimushō Eisei Kyoku) hat Ishiguro wesentlichen Anteil am Aufbau des Sanitätswesens im japanischen Heeres. Während eines einjährigen Aufenthalts in Europa beabsichtigt Ishiguro, das militärmedizinische System Preußens zu begutachten. Mori wird seinem Vorgesetzten als Dolmetscher zugeteilt.
  • Im Auftrag Ishiguros übersetzt Mori ein Manuskript über die Geschichte der militärmedizinischen Versorgung in Japan. [Baron Ishiguro, “Über die Vorgeschichte des Rothen Kreuzes in Japan”]
  • September: Mitte des Monats reisen Ishiguro Tadanori, Taniguchi Ken und Mori aus Berlin ab, um in Karlsruhe an der Internationalen Konferenz des Roten Kreuzes teilzunehmen. Der Weg führt über Würzburg, wo auch Generalarzt Hashimotos Sohn studiert (siehe Oktober 1884). Mori sucht das Denkmal für den Würzburger Arzt und Japanforscher Philipp Franz von Siebold (1796–1866) auf.
  • Während der Konferenz in Karlsruhe diskutieren Vertreter des Roten Kreuzes die Frage, ob auch bei militärischen Konflikten außerhalb Europas im Sinne der Genfer Konvention Verwundeten Hilfe geleistet werden solle. In zwei Redebeiträgen verdeutlicht Mori den Eurozentrismus dieser Frage und betont unter allgemeinem Beifall, dass es die japanische Seite als Selbstverständlichkeit ansehe, auch außerhalb Asiens im Falle eines Krieges Unterstützung zu leisten.
  • Ende des Monats reisen Ishiguro, Taniguchi und Mori gemeinsam nach Wien, wo Ishiguro als Vertreter der japanischen Regierung am VI. Internationalen Congress für Hygiene und Demographie teilnimmt. Für das Lesezimmer der Veranstaltung hat Mori eine Schrift vorbereitet. [“Zur Nahrungsfrage in Japan”]
  • Oktober: Nach Berlin zurückgekehrt, beginnt Mori im Hygiene-Institut Versuche durchzuführen.
  • Im Königlichen Schauspielhaus zu Berlin sieht er eine Aufführung von Shakespeares Hamlet.
  • November: In der Deutschen Medicinischen Wochenschrift erscheint Moris Replik auf eine Mitteilung des britischen Arztes D. B. Simmons, der seit mehr als 20 Jahren in Japan praktiziert. Simmons hatte zuvor über vermutete Fälle von Beriberi und Cholera in Japan berichtet. [“Beriberi und Cholera in Japan”]
  • Der wissenschaftliche orientierte Mediziner erhält die Nachricht, dass er nach Vorstellung der Vorgesetzten in Tokyo einer Einheit des preußischen Heeres als Militärarzt zugeordnet werden soll. Er fügt sich der Entscheidung.
  • Ende des Monats setzt sich Mori in einer Rede vor dem Yamato-Club dafür ein, geselliges Beisammensein und formale Versammlungen zu trennen. Wie im Fall anderer vaterländischer Vereine solle das Hauptanliegen des Yamato-Clubs darin bestehen, den Nationalgeist hochzuhalten.
  • Dezember: Anfang des Monats trifft Mori mit Inoue Tetsujirō und Karl Florenz (1865–1939) zusammen. Der junge Literatur- und Sprachwissenschaftler bereitet die Herausgabe eines Bandes mit Übersetzungen asiatischer Gedichte vor.

1888

10. März 1888: Kaiser Wilhelm I verstirbt; sein Sohn Friedrich III, der an Kehlkopfkrebs er­krankt ist, folgt ihm auf den Thron.
  • Januar: Anläßlich der Neujahrsfeier hält Mori erneut eine Rede vor der Yamato Kai. Er tritt erneut für “die Aufrechterhaltung und Hebung der japanischen Nationalität” als Zweck des Vereins ein. [“Yamatokwai. Zwei Reden”]
  • Im Deutschen Theater, Berlin, das unter der Leitung von Adolphe L’Arronge steht, wohnt Mori einer Aufführung von Schillers Don Carlos bei.
  • Für einen Bekannten hält Mori einen Vortrag über Carl von Clausewitz’ (1780–1831) Hauptwerk Vom Kriege. Die Vermittlung der Gedanken des Militärphilosophen in Japan wird zu einem langfristigen Projekt.
  • Februar: Mitte des Monats beendet Mori die Arbeit an der Übersetzung eines Texts über die medizinische Situation im zeitgenössischen Korea. Die Schrift stammt aus der Feder seines einstigen Kommilitonen Koike Masanao.
  • März: In einem Brief bittet die Familie in Tokyo um Zustimmung zur Hochzeit seiner jüngeren Schwester Kimiko. Sie soll den Mediziner Koganei Yoshikiyo heiraten, der an der Kaiserlichen Universität Tokyo lehrt. Er übermittelt sein Einverständnis per Telegramm; die Hochzeit findet im April statt.
  • Mori wird dem 2. Garde-Regiment zu Fuss in Berlin zugeordnet und versieht in den Kasernen in der Friedrichsstraße und der Karlstraße ohne freien Tag bis Anfang Juli den Revierdienst. Während dieser Zeit führt er das “Truppendienst-Tagebuch” (Taimu nikki).
  • April: Er zieht in ein Zimmer in der Großen Präsidentenstraße am Hackeschen Markt, da es näher an der Kaserne liegt.
  • In der von Robert Koch mitbegründeten Zeitschrift für Hygiene erscheinen Moris Forschungsergebnisse. [“Über pathogene Bacterien im Kanalwasser”]
  • Mai: Gespräch mit dem Pathologen Rudolf Virchow (1821–1902). Der berühmte Mediziner verspricht für die Veröffentlichung der Studie über japanische Wohnhäuser zu sorgen. [“Ethnographisch-hygienische Studie über Wohnhäuser in Japan”]
  • Gespräch mit Adolf Bastian, dem Direktor des Königlichen Museums für Völkerkunde Berlin, über die Veröffentlichung des übersetzten Texts von Koike Masanao. [“Zwei Jahre in Korea”]
  • Juli: Über London, Paris und Marseille kehrt Mori mit Generalarzt Ishiguro Tadanori nach Japan zurück.

Quellen

  • Bowring, Richard John: Mori Ōgai and the Modernization of Japanese Culture, Cambridge et al.: Cambridge University Press 1979.
  • “Eröffnungsfeier des Seminars für orien­ta­lische Sprachen”, Norddeutsche allgemeine Zeitung 502, 27. Oktober 1887: 2. [ZEFYS - Staatsbibliothek zu Berlin]
  • Kobori Kei’ichirō: Mori Ōgai: Nihon wa mada fushinchū da (Mori Ōgai: Japan ist noch im Umbau), Minerva Shobō 2013.
  • “Nenpu” (Chronik), Ōgai zenshū, vol. 38, Iwanami Shoten 1975: 545–58.
  • Rimer, J. Thomas: Mori Ōgai, Boston: Twayne Publishers 1975.
  • Schamoni, Wolfgang: Mori Ōgai: Vom Münchener Medizinstudenten zum klassischen Autor der modernen japanischen Literatur, München: Bayerische Staatsbibliothek 1987.
  • Yamasaki Kuninori: Hyōden Mori Ōgai (Mori Ōgai. Eine kritische Biographie), Taishūkan Shoten 2007.
Zitierhinweis – Harald Salomon: “Mori Rintarō, alias Ōgai (1862–1922). Aufenthalt in Deutschland”, Digitales Ogai Portal, hg. v. Harald Salomon. Mori-Ōgai-Gedenkstätte der Humboldt-Universität zu Berlin. 15. Dezember 2020. URL: https://www.ogai.hu-berlin.de/biographie-deutschland.html