Mori Rintarō, alias Ōgai (1862-1922)

Diese Seiten erschließen die intellektuelle Biographie im Licht zeithistorischer Bezüge. Sie geben Einblicke in Moris Wirken zwischen den Wissensfeldern – als Mediziner, Militärarzt, Übersetzer europäischer Literatur, Mitbegründer der modernen japanischen Literatur, Dichter, Dramatiker, Publizist, Spracherneuerer, Dozent der Ästhetik und der künstlerischen Anatomie, Kunstkritiker, Historiker und als Direktor der Kaiserlichen Museen und Bibliotheken.

Neben Skizzen der Lebensphasen - von der Kindheit in Tsuwano bis zum Lebensabend zwischen Tokyo und Nara - liefern die Unterseiten jeweils eine Chronik der biographischen Ereignisse sowie relevante visuelle Materialien und Zitate aus den Werken Ōgais bzw. seiner Zeitgenossen.

1862-72 Mori wird am 17. Februar 1862 in der Burgstadt des Fürstentums Tsuwano (heutige Präfektur Shimane) als erstes Kind seines Vaters Shizuo (Geburtsname Yoshitsugu, 1836–96) und seiner Mutter Mineko (1846–1916) geboren. Er erhält den Namen Rintarō. Die Familie zählt zur Statusgruppe der Samurai und stellt seit Generationen die Leibärzte des Fürstenhauses Kamei. Der Vater Shizuo war in die Familie adoptiert und der Tochter des Hauses zum Ehemann gegeben worden. Im Haushalt lebt auch die Großmutter Kiyoko, doch es ist vor allem die junge Mutter, die sich energisch um die Erziehung ihres Sohnes kümmert. Rintarō verbringt seine frühe Kindheit in den letzten Jahren des Tokugawa-Shogunats. Aufgrund der Ambitionen seiner Eltern erfährt der Stammhalter große Aufmerksamkeit, nicht ohne jedoch den Druck zu verspüren, diesen Erwartungen gerecht werden zu müssen.

1872-84 Als die frühen Meiji-Reformen eine neue politische und  gesellschaftliche Ordnung schaffen, die Japans Selbstbehauptung in der Moderne gewährleisten soll, zieht die Familie Mori nach Tokyo. Hier ist der Vater zunächst für den Fürsten Kamei tätig; später eröffnet er eine eigene Praxis und übernimmt das Amt des  Bezirksarztes in einem Stadtteil der kaiserlichen Hauptstadt. Die Medizinerfamilie möchte Rintarō eine hervorragende Bildung ermöglichen und sendet ihn auf eine private Sprachschule, um die Grundlagen dafür zu legen. Hier erwirbt er gute Kenntnisse des Deutschen,  das sich mittlerweile als Sprache der medizinischen Lehre und Forschung auch in Japan etabliert hat. Im Anschluss besucht der junge Mori den propädeutischen Kurs der Medizinischen Fakultät an der Kaiserlichen Universität Tokyo, wo er von 1875 bis 1881 im Hauptkurs Medizin studiert. Nach der Approbation wirkt er an der Seite seines Vaters, um darauf in die Dienste des Heeresministeriums zu treten. Das Ministerium beordert ihn – seinem Wunsch folgend – 1883 zur Fortführung seiner Studien nach Deutschland.

1884–88 Im Auftrag des Heeresministeriums reist Mori nach Deutschland, um Studien der Hygiene und des militärischen Sanitätswesens zu betreiben. Bei Franz Hofmann, Max von Pettenkofer, Robert Koch und anderen Koryphäen der Zeit taucht er aktiv in die Welt der medizinischen Forschung ein; erste Veröffentlichungen erscheinen in einschlägigen Periodika, darunter Archiv für Hygiene und Zeitschrift für Hygiene.  Der insgesamt vierjährige Aufenthalt in Deutschland prägt den wissenschaftlich orientierten Mediziner, der großes Vertrauen in die Kochsche Bakteriologie setzt. Von der anregenden Atmosphäre des intellektuellen Lebens in Leipzig, Dresden, München und Berlin begünstigt, entfaltet sich gleichzeitig sein starkes Interesse an Europas Literatur, Philosophie, Theater und Malerei. Wie nicht zuletzt die Debatte mit dem Geologen Naumann zeigt, führt die Europaerfahrung auch zu der Forderung, Japans überkommenen Lebensstil nicht übereilt aufzugeben, sondern selbstbewusst aus der Sicht einer ‘globalen Wissenschaft’ zu prüfen.

1888-94 Die rund sechs Jahre von der Rückkehr nach Japan bis zum Einsatz im Japanisch-Chinesischen Krieg sind von fieberhafter Aktivität als Mediziner und Literat geprägt. Hauptberuflich wirkt Mori als Dozent an der Medizinischen Hochschule des Heeres, deren Leitung er schließlich übernimmt. Die in Europa erworbenen Perspektiven befähigen ihn, an gesellschaftlichen Debatten teilzunehmen, die zentrale Aspekte des japanischen Übergangs in die Moderne reflektieren. Kämpferisch setzt er sich dafür ein, sowohl modernes als auch historisch überliefertes Wissen kritisch zu prüfen und eine global orientierte Atmosphäre der Wissenschaftlichkeit zu begründen. Dabei schreckt er auch nicht vor Konflikten mit seinen Vorgesetzten und mit dem medizinischen Establishment zurück. Als Literat legt er unter dem Schriftstellernamen Ōgai bahnbrechende Leistungen vor. Die von der Europaerfahrung inpirierten Erzählungen der ‘deutschen Trilogie’ – darunter das in Berlin spielende “Ballettmädchen” (Maihime) – festigen seinen Ruhm als Mitbegründer der modernen japanischen Literatur. Nicht weniger einflussreich sind die Übersetzungen zahlreicher Meisterwerke europäischer Literatur über das Deutsche, für die er verantwortlich zeichnet. Die “Reusenhefte” (Shigarami zōshi), welche er über lange Jahre herausgibt, gelten als erste literaturkritische Zeitschrift Japans.

1894–1905 Der Ausbruch des Krieges gegen China im August 1894 führt Mori nach Korea, in die Mandschurei und nach Taiwan. Als leitender Sanitätsoffizier wird er in diesem und im folgenden Krieg gegen Rußland Zeuge der Kampfhandlungen, jedoch ohne die Erfahrungen eingehend literarisch zu verarbeiten. Im Nachhinein wirkt die Phase zwischen den Konflikten, die Japan international auf Augenhöhe etablieren, wie eine Zeit der inneren Sammlung. Mori fasst seine literatur- und kunstkritischen Schriften zusammen (Tsukikusa, 1896); in das erste japanische Lehrbuch der Hygiene (Eisei shinpen, 1897), das er mit Koike Masanao herausgibt, gehen seine medizinischen Studien ein. Konflikte mit den Vorgesetzten führen dazu, dass er in die südjapanische Stadt Kokura versetzt wird, was er als Verbannung empfindet. Er distanziert sich von seinem Alter Ego Ōgai, beschäftigt sich mit östlichen und westlichen Strömungen der Philosophie und beendet die umfangreiche und stilistisch brillante Übertragung des Romans Improvisatoren von Hans Christian Andersen. Frisch vermählt mit seiner zweiten Frau Shige, kehrt er schließlich 1902 in die Hauptstadt zurück.

1906-1912 Nach der Rückkehr aus dem Krieg gegen Russland wird Mori zum Generaloberstabsarzt und zum Leiter der Medizinalabteilung im Heeresministerium ernannt. Er ist nun der oberste Sanitätsoffizier des Heeres und schickt sich an, mit der Einführung der Typhusschutzimpfung im japanischen Heer und der Einrichtung der Kommission zur Untersuchung der Beriberi-Krankheit neue Akzente zu setzen. Sein kulturelles Engagement kann er freier gestalten; die heimische Villa Seeblick wird zu einem der Zentren des literarischen Lebens in Tokyo. In seiner mittleren Schaffensphase ringt Mori dem Dienstalltag eine große Zahl kürzerer Texte ab, die schwer einzuordnen sind. In vollendeter Prosa arbeiten sie die Spannungsverhältnisse zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik heraus und thematisieren die Erfahrungen einer Gesellschaft “im Umbau”. In diesem Sinne gehen bis in die Gegenwart beliebte Werke wie Die Wildgans (Gan, 1915), aber auch die fiktionalen Skizzen aus dem Leben des jungen Adeligen Hidemaro feinfühlig auf die Folgen des Übergangs zur Moderne ein. Auch als Übersetzer und Berichterstatter über das kulturelle Zeitgeschehen in Europa leistet er in dieser Lebensphase Bedeutendes.

1912-17 Als Kaiser Meiji im Juli 1912 nach über vierzigjähriger Regierungszeit verstirbt und General Nogi in der Folge den Freitod wählt, zeichnet sich – wie bei vielen japanischen Intellektuellen − eine Phase der Neuorientierung ab. Mori wendet sich der Geschichte zu und beginnt in historischen Erzählungen die conditio humana im vormodernen Japan auszuloten. Gegen Ende der Phase schreibt er die erste seiner historischen Biographien, die sich bevorzugt konfuzianischen Gelehrten und Medizinern zuwenden. Zugleich setzt Mori mit ungebrochener Energie die Übersetzung klassischer und moderner europäischer Literatur fort. Allein im Jahr 1913 erscheinen seine wegweisenden Übertragungen von Shakespeares Macbeth, Ibsens Nora sowie beider Teile von Goethes Faust. Auch sein Kompendium der Hygiene wird für die Neuauflage in dieser Phase bedeutend erweitert. Noch 1915 reicht er sein Abschiedsgesuch beim Heeresministerium ein, dem im folgenden Jahr stattgegeben wird.

1917-1922 Ende 1917 wird Mori zum Generaldirektor der Kaiserlichen Museen und der Bibliothek des Hofministeriums ernannt. Obwohl er zunehmend unter gesundheitlichen Problemen leidet, versucht er neue Akzente in seinem Amt zu setzen und verbringt jährlich mehrere Wochen in der alten Hauptstadt Nara, um die antiken Objekte im Kaiserlichen Schatzhaus zu begutachten. Sein langjähriges Engagement für das Kulturschaffen findet auch darin seinen Ausdruck, dass er 1919 zum ersten Direktor der Kaiserlichen Akademie der Künste ernannt wird. Neben seinen öffentlichen Aufgaben widmet Mori sich bis in die letzten Lebensmonate insbesondere der Arbeit an historischen Biographien und Studien. Bevor er im Juli 1922 an Nieren- und Lungenleiden verstirbt, hält er testamentarisch den Wunsch fest, ohne staatlichen Ehren bestattet zu werden.